Sonntag, 30. Dezember 2012

30.12. Perfiktion (Gastbeitrag)

Vor ein paar Jahren nahm eine mich besuchende junge Dame ein altes Bild vom Tisch und fragte:
„Tante, kann ich einen Radiergummi haben?“
„Nein.“
„Aber...“                    
„Nein. Das bleibt wie es ist. Für mich ist es genau so super. In ein paar Jahren verstehst du das vielleicht.“
Sie stellte widerstrebend und ärgerlich seufzend den Bilderrahmen zurück, in dem über einer Kinderzeichnung steht: Die tolste Tant der Welt.

Das mit der Perfektion, das habe ich feierlich aufgegeben. Ich lächle mitleidig, wenn jemand meine Zähne bleichen will, stopfe Socken und habe meiner Angst vor Tippfehlern die Zusammenarbeit gekündigt. Ich komme ohne Gesichtscreme durch eine den Winter, die meine Falten zu glätten oder Altersflecke aufzuhellen gedenkt. Die bleiben auch so, wie sie sind. Oder werden tiefer. Wachstum wird doch überall gefordert!
Wir versuchen unser Leben en naturel wie gephotoshopt vorzuführen - jeder Gedanke & jede Hautzelle makellos. Dabei sind allenfalls Plastik und der Tod perfekt, doch wer will schon zu Lebzeiten tot oder plastiniert sein? Das Fehlerhafte birgt einen Reiz, den Kunststoff und Photoshop nicht erreichen. Perfektion ist eine Fiktion. Dabei liegt der Reiz von Dingen so oft in Abweichungen, Eigenwilligkeiten und Unzulänglichkeiten. Gelegentlich ist das Gute besser für uns als das Beste.

Autorin:
Helga Christina Pregesbauer: Texte & Ghostwriting, Lesungstraining für Autor/inn/en: http://www.wortflechte.com/

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